19. Dezember 2017

An die Spitze setzen!

 

Deutschland hat große Innovationen in der Mobilität hervorgebracht. Das Fahrrad, die E-Lok oder das Auto. Damit das so bleibt, müssen wir das Land sein, welches den Aufbruch in die Mobilität des 21. Jahrhunderts organisiert. Doch die Autokonzerne setzten bis vor kurzem auf den Diesel als „Zukunftsprojekt“ und schreckten nicht einmal vor Tricksen und Betrügen zurück, statt den Weg frei zu machen für intelligente, vernetzte und emissionsfreie Mobilität. Nun scheint ein neuer Wind zu wehen: Mit VW-Chef Müller kritisiert erstmals einer der Top-Automobilisten die milliardenschweren Dieselsubventionen und fordert stattdessen stärkere Anreize für umweltschonende Antriebstechnologien. Und man glaubt es kaum, VW will sogar eine blaue Plakette für Innenstädte.

Die amtierende Bundesregierung reagiert mit Verwunderung und Ablehnung auf Müllers Vorstoß. Das ist erstaunlich, denn schließlich fordert hier ein Branchenprimus das Aus für staatliche Subventionen – das sollte jeder verantwortliche Politiker mindestens begrüßen. Wie schon beim Kohleausstieg zeigt sich, dass Unternehmen mit klangvollen Namen weiter sind als die Mehrheit der politischen Klasse. Lieber klammert man sich an das Bestehende, zieht einen Schutzzaun um die Diesel- und Ottomotoren, statt sich an die Spitze der globalen Bewegung für Elektromobilität zu stellen.

Vorreiter bei der Elektromobilität ist Deutschland wahrlich nicht. Mit Macht streben neue Unternehmen wie der US-Autobauer Tesla oder der chinesische Konzern BYD auf den Markt. Den Ausbau der Elektromobilität in Deutschland weiter zu verzögern, ist keine Option. Ein Weiter-so würde dazu führen, dass in Zukunft E-Autos aus Fernost in Bremerhaven vom Schiff rollen und Stuttgart das Schicksal Detroits droht.

Es ist gut, wenn mit VW-Chef Müller endlich ein Konzernchef ausspricht, was jeder Verkehrsexperte weiß: Dieselsubventionen setzen die falschen Anreize und gehören abgebaut. Wenn der Weltkonzern VW das fordert, gehören Abbau von Dieselsubvention und Blaue Plakette in das Programm der nächsten Regierung. Dabei wäre Müller noch glaubwürdiger, wenn Millionen betrogener Kunden eine kostenlose Hardware-Nachrüstung bekommen würden, damit die mit einem sauberen Auto mit blauer Plakette demnächst in die von den Gerichten gesperrten Städte fahren können.

Man darf gespannt sein, ob VW-Chef Müller den Worten die richtigen Taten folgen lässt. Klar ist: Ab Anfang der 2030er Jahre dürfen nur noch emissionsfreie Autos neu zugelassen werden, denn sonst ist das Pariser Klimaabkommen Makulatur. Die Frage ist nur noch: Steht Deutschland an der Spitze der Bewegung oder verlieren wir die nächste Schlüsseltechnologie nach Übersee. Das hat die nächste Bundesregierung in der Hand.

Gastkommentar erschienen im Handelsblatt am 19.12.2017

 

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